Schutzgasauswahl
Neu- oder Weiterentwicklungen von Werkstoffen werden häufig schubweise durch die Anforderungen neuer Projekte vorangetrieben. So konnten umfangreiche Erfahrungen zum MAG-Schweißen der relativ heißrissempfindlichen Vollaustenite bei der Entwicklung eines deutschen Minensuchboots gesammelt werden. Der Fortschritt der Offshore-Technik hatte zuvor bereits die Entwicklung der Duplex-Stähle forciert. Die beiden Werkstoffgruppen sind vom Gefüge her völlig unterschiedlich mit Ferritanteilen von unter 1% bzw. etwa 50 %. Ein weiteres Beispiel sind aufgrund von gestiegenen Umweltschutzanforderungen weiterentwickelte abgasarme Müllverbrennungsanlagen. Sie führen zu einem erheblich gestiegenen Bedarf an Plattierungen mit Nickelbasiswerkstoffen, wobei eine kostengünstige und zugleich qualitativ hochwertige Fertigung notwendig ist.

Konventionell kommt für das WIG-Schweißen der meisten hochlegierten Stähle reines Argon (Schweißargon) zum Einsatz. Eine moderne Fertigung strebt jedoch stets nach höherer Qualität und Wirtschaftlichkeit. Das WIG-Schweißen hat jedoch verfahrensbedingte Leistungsgrenzen, was dazu geführt hat, dass es bei größeren Blechdicken ausschließlich zum Schweißen der Wurzellage eingesetzt
wird. Heute nutzt man zunehmend das leistungsfähigere MSG-(Metall-Schutz-Gas)Schweißen unter Verwendung von Argon-Mischgasen. Durch den Zusatz von CO
2 und /oder O
2 handelt es sich genau genommen um das MAG-(Metall-Aktiv-Gas)Schweißen. Kombiniert mit speziellen Impulsprogrammen ist so eine bislang nicht gekannte Verfahrenssicherheit bei gleichzeitig hoher Produktivität erreichbar. Entwickelt für die Auftragschweißung, bei der sich gezielt eine geringe Aufmischung (d. h. ein Vermischen des Beschichtungs- mit dem Grundwerkstoff) einstellen lässt, haben sich diese Gemische in gleicher Weise zum Verbindungsschweißen durchgesetzt. Erforderlich ist dabei allerdings eine bauteilbezogene, individuelle Programmierung der Impulsanlagen.
Bei Duplex-Stählen wird in der Regel ein weiterer Zusatz von 15 % Helium verwendet, was das Schweißverhalten und die Prozesssicherheit nochmals erheblich verbessert. Mit der Einbrandverstärkung durch die Helium-Komponente trägt man auch der höheren Wärmeleitfähigkeit der Duplex-Stähle Rechnung. Der Zusatz geringer Mengen Stickstoff (bis 2,5 %) bewirkt eine Stabilisierung des Austenit-Anteils im Gefüge der Schweißnaht.
Mit dem Vordringen der Niederaktivgase beim Schweißen unlegierter Stähle stellt sich die Frage, ob diese auch für die Verarbeitung austenitischer Stähle geeignet sind. Argon-Sauerstoff-Gemische sind metallurgisch grundsätzlich unproblematisch, selbst bei Sauerstoffgehalten von 12 %. Das übliche Niederaktivgas (mit 4 % O
2) ist also auch gut für hochlegierte Stähle geeignet. Das Pendant mit CO
2 (8 % CO
2-Gehalt) führt dagegen zu einer deutlichen Aufkohlung, was die Korrosionsbeständigkeit stark herabsetzt.
Auch beim WIG-Schweißen dominiert nach wie vor das reine Argon. Wegen der höheren Schweißleistung werden für das mechanisierte Längsnahtschweißen dabei Wasserstoffzusätze in der Größenordnung von 5 % verwendet. Beim Handschweißen ist ein derart hoher Wasserstoffgehalt nicht oder nur bedingt einsetzbar. Durch die Senkung des Wasserstoff-Anteils konnten die positiven Eigenschaften des
Wasserstoffs auch für Handschweißungen nutzbar gemacht werden.
Bei den Duplex-Stählen ist die Wasserstoffempfindlichkeit der Ferritkomponente entsprechend zu berücksichtigen, wobei hier allerdings eine gewisse Unklarheit für den Anwender herrscht. Gezielte Untersuchungen zeigen, dass zumindest bis zu Wasserstoffgehalten von 2 % keine Probleme zu erwarten sind. Solche Gasgemische sind auch für Anwendungen geeignet, bei denen eine Verfahrensprüfung erforderlich ist. Eine pauschale Ablehnung der Verwendung von Wasserstoff bei Duplex-Stählen, wie man sie verschiedentlich in der Literatur findet, ist also nicht gerechtfertigt.
Ein Zusatz von Stickstoff bis zu einem maximalen Gehalt von 5 % kann beim WIG-Schweißen von Duplex-Stählen zur Stabilisierung des Austenit-Anteils sinnvoll sein. Dies bewirkt eine Steigerung des CPT-Werts (mit dem Korrosionstest CPT wird die kritische Lochfraß-Temperatur bestimmt) um bis zu 5 °C. Dabei darf es aber nicht zu einer Stickstoff-Porenbildung kommen. Stickstoffgehalte von 1 oder 2 % im Schutzgas können hier in aller Regel noch als unkritisch angesehen werden.
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